Donnerstag, 19. April 2012

Westtraverse

Dienstag 10.4.2012

Mit den beschriebenen Aussichten mache ich mich auf den Weg in Richtung Ankara um zu sehen, wie der weitere Verlauf der Reise aussehen soll.

Einmal mehr wird die Grösse der Türkei bewusst, wenn Strassen über 40km einfach gerade aus durch topfebene Landschaften führen. Ich nehme nicht die Autobahn und habe so Gelegenheit, in kleinen Ortschaften einzukehren und den Puls des Lebens zu spüren.







gerade aus bis an den Horizont






In jeder Ortschaft findet sich ein Zentrum, in dem einige Restaurants und Läden zu finden sind. Auf den Ein- und Ausfallstrassen sind meist die Handwerksbetriebe für den Bau, die Automechaniker und Traktorenhändler, welche ihr Angebot zur Schau stellen.

Als es am Nachmittag anfängt zu regnen und der Wind kalt entgegen bläst, fangen meine Gedanken an nach Alternativen zu suchen und spinnen wilde Pläne. Tropfnass komme ich in dem Hotel&Camping südlich von Ankara an. Der Camping ist natürlich um diese Jahreszeit noch ungenutzt und somit suche ich mir einen Platz nach Belieben. Die Umgebung ist etwas trostlos, doch für eine Nacht geht das gut.

In der Lobby ist es geheizt und Internet steht zur Verfügung. Ich schaue mir diverse Varianten an und bleibe immer wieder an derjenigen hängen, nach Tunesien zu fahren um dort die Wüste zu erkunden. Fähre Igouamenitsa-Bari und Palermo-Tunis sind vorhanden und in vernünftiger Zeit zu erreichen. Ich beschliesse den Plan noch einmal zu überschlafen und dann zu entscheiden.

Die Nacht wird etwas laut und kalt. Das Zelt bietet nicht gerade einen guten Lärmschutz. Und zudem ist mein Schlafsack nass geworden, so dass ich meine Füsse erst in eine Jacke einwickle und dann mit einem Plastiksack vor der Nässe schütze. Als sich mein Atem im Zelt beim Ausatmen dann noch beschlägt, wird mir klar, dass es für die Türkei zu früh im Jahr ist.
südlich vor Ankara



Mittwoch 11.4.2012

Die Nacht verläuft alles andere als ruhig. Einerseits der Lärm der Strasse und andererseits ist es die Kälte, die mich weckt.

Nach Tagesanbruch genehmige ich mir eine ausgiebige Dusche. Wenigstens das Wasser ist angenehm warm und nur wenige Wasserstrahlen suchen sich einen anderen Weg aus der Brause als den dafür vorgesehenen. Nun steht für mich fest, dass ich nach Tunesien fahre. Am Dienstag kommende Woche werde ich dort ankommen, wenn alles nach Plan verläuft. Inshallah!

Für Frühstück habe ich noch genügend Lebensmittel mit dabei und ich mache mich zügig auf den Weg, um Istanbul zu erreichen. Der Weg um Ankara herum ist übersichtlich und gut signalisiert, so dass die Stadt bald hinter mir liegt. Auch hier nehme ich weiterhin die Hautstrassen und habe so Gelegenheit noch etwas mehr vom Land zu sehen. Die endlosen Weiten bleiben stark in meiner Erinnerungen und prägen den Eindruck, den ich neben demjenigen an die freundlichen Menschen mitnehme.

Dann beginnen die Vororte von Istanbul und gut 40km vorher geht die Fahrt nur noch durch die Stadt, welche sich auf der asiatischen Seite auf dem schmalen Landstrich ausdehnt. Und dann kommt der Verkehr, welcher gegen Abend vom Blechfluss in eine Ansammlung stehender Fahrzeuge umschlägt. Glücklicherweise kann ich mich mit dem Motorrad zwischen den stehenden Autos hindurch bewegen und komme so noch etwas schneller voran. Nach einem kurzen Abstecher hinunter an den Bosporus, wo die Fähre kreuzt, komme ich auf die riesige Brücke, welche die beiden Erdteile miteinander verbindet. Ganz bewusst fahre ich von Asien zurück nach Europa. Im Sog des pulsierenden Lebens, welches in zwei Strömen zwischen den beiden Enden der Brücke hin und her fliesst.
Istanbul

Nun gilt es langsam, einen Ort für die hereinbrechende Nacht zu finden. Es dauert ewig, bis ich die Stadt hinter mich bringe, denn auch auf der europäischen Seite dehnt sie sich noch kilometerweit der Küste entlang aus. In einem Internetkaffee finde ich die Adresse eines Hotels, welches in der Nähe ist und dessen Preis vernünftig scheint. Nach einem Anruf probiere ich das Hotel zu finden. Doch leider ist der Englischwortschatz des Receptionisten eher beschränkt und auch die Personen, welche ich anfrage, können keine klare Angaben machen. Endlich finde ich einen Portier einer Anlage, welcher mir deutet, ich solle hinter ihm her fahren. Er bringt mich zu einer Einfahrt mit Barriere und deutet mir auf die Strasse in einiger Entfernung und ich sehe dort das Hotel. Nun, warum kann ich denn nicht direkt dorthin fahren?? Plötzlich taucht ein weiterer Portier auf und mir wird klar, wie das ganze funktioniert. Die Gebäude vor mir sind so etwas wie ein Werkhof an der Autobahn und das Hotel selbst ist nur von der Autobahn aus zu erreichen. SUPER! Eine gute Wegbeschreibung würde Wunder bewirken. Mit dieser Einsicht allein bin ich aber noch nicht im Hotel angelangt. Während sich der eine Pförtner verabschiedet, deutet mir der Arbeiter des Werkhofs, ihm zu folgen. Mit dem Motorrad. Ok. Nur der erste Weg, den er mit mir gehen will führt über eine ca. 20M lange flache Treppe hinunter. Nööö, keine Lust. Haben wir noch einen anderen Weg? Ja, bitte hier entlang. An dessen Ende komme ich wieder an eine Treppe. Diese ist jedoch nur etwas 5 Stufen hoch, doch mit normalem Trittverhältnis. Ich beschliesse, diesen Weg zu probieren und rolle die kurze Treppe hinunter. Glücklicherweise ist es trocken!

Das Hotel entschädigt dafür mit seinem Standard für die Strapazen. Wenn ich auch neben der Autobahn bin, so schlafe ich sehr gut, denn hier ist gut schallisoliert.
Zimmer für Fr. 20.- inkl. Frühstück



Donnerstag 12.4.2012

Auf, auf, das letzte türkische Frühstück eingenommen und ab in Richtung Griechenland. Bin gespannt, wie der Grenzübergang hier ablaufen wird. Zudem habe ich nun mein DoIt Nummernschild und mit Griechenland komme ich ja bereits wieder in den Schengen Raum.

Doch erst einmal gilt es von der Autobahn herunter zu kommen, denn ich habe natürlich noch immer keine Karte um die Ausfahrt zu bezahlen. An der Kontrollstelle angekommen wende ich mich freundlich an die dort arbeitenden anwesenden Beamten und versuche ihnen meine Situation klar zu machen. Erst ein wenig Verwirrung auf ihren Gesichtern und dann signalisieren sie mit, ich solle durchfahren. Als ich an die Barriere komme, rechne ich damit, dass sie diese nun öffnen, doch ich warte vergeblich. Also wieder drum herum fahren und hören, wie die Sirene los geht.

Kurz vor der Grenze mache ich nochmals halt um etwas zu essen und meine verbleibenden türkischen Lira in Benzin umzusetzen. Zurückwechseln würde sich weniger lohnen als der Mehrpreis für das Benzin hier ausmacht.

Dann kommt der Grenzposten zu Griechenland. Die Grenzposten scheinen alle nach dem selben Schema aufgebaut zu sein und der Ablauf ist mir doch sehr bekannt, fast schon ein wenig vertraut. Innert kürzester Zeit bin ich durch und bewege mich wieder im Niemandsland. Die Strasse nach Griechenland führt mittels Brücke über einen Grenzfluss. Anhand der starken Militärpräsenz bin ich mir nicht so sicher, ob ich nun doch noch einmal nach Syrien fahre, doch die Flaggen auf den Wachhäuschen der anderen Brückenseite sind eindeutig griechisch. Zwischen diesen beiden Ländern scheint auch noch einiges nicht ganz aufgearbeitet zu sein.

Die anschliessenden Einreiseformalitäten verlaufen ohne grosse Reibungsverluste und nach einigen Minuten bin ich bereits in Griechenland unterwegs.

Am auffälligsten sind die fehlenden Minarette in den Ortschaften, welche nun an der Strasse auftauchen. Mein Plan ist, bis ca. 50Km vor Thessaloniki zu fahren und dort am Meer zu übernachten. Im Internet habe ich noch einen Campingplatz ausfindig gemacht, welcher einen sympatischen Eindruck macht.

Die Ortschaft heisst Aspovalta und ist ein Ferienort Direkt am Meer. Nur fehlen auch hier wieder die Touristen, welche um diese Zeit noch nicht anwesend sind. Meinen Camping finde ich ebenfalls schnell. Er liegt etwas ausserhalb und mach einen verlassenen Eindruck. Die Informationen im Internet dürften wohl etwas veraltet sein. Irgendwie sollte ein Verfalldatum für Websites eingeführt werden.

Nach kurzer Suche finde ich ein idyllisches Plätzchen direkt am Meer, welches mich direkt für den Aufenthalt diese Nacht einlädt. Das erste Mal ein kleines Lagerfeuer und der sternenklare Himmel über dem gleichmässig rauschenden Meer entschädigen für viele Strapazen.

ungestörte Ruhe am Strand

In der Dunkelheit beginnt plötzlich ein Glockenspiel von einem Kirchturm her zu schlagen und einige Zeit später vernehme ich Kirchgesänge. Kitschiger könnte es eigentlich nicht sein.





Freitag 13.4.2012

Freitag der 13. und vor mir liegt ein gutes Stück Weg bis nach Igouamenitsou, von wo aus die Fähre nach Bari ablegt. Da ich keine Karte von Griechenland mit dabei habe, muss ich mich auf die spärlichen Daten des GPS verlassenen. Diese reichen aber problemlos aus.

Kurz nach dem Mittag lege ich eine Rast ein, da alles sehr gut verlaufen ist und noch genügend Zeit für die knapp 200km, welche vor mir liegen vorhanden ist.

Beim Verlassen des Restaurants beginnt es jedoch wieder zu tropfen und nun will ich definitiv nur noch an die Wärme.

Die Tropfen verwandeln sich in einen anständigen Frühlingsregen, welcher sehr erfrischend wirkt. Doch etwas zu erfrischend für meine Motorrad! Plötzlich setzt der Motor aus und auch der Wechsel auf Reserve bringt keine Änderung. Was nun? Es sind noch rund 160km vor mir und nun streikt die gute Ténéré. Nach einigem Örgeln am Anlasser und Versuchen mit mehr oder weniger Gas springt sie wieder an. Doch irgendwie will sie nicht so recht. Mir kommt ein übler Verdacht und dieser wird durch einen Blick auf den Zylinder bestätigt: der Ansaugstutzen zwischen Vergaser und Zylinder ist nicht mehr dicht und saugt falsche Luft, resp. in dem Fall sogar Wasser an. Quelle Bordelle!?! Nun heisst es einfach durchhalten und die Fähre erreichen.

Die verbleibende Strecke wird zu einem Tanz auf Nadeln. Beim kleinsten seltsamen Verhalten werde ich misstrauisch und versuche den Motor am Leben zu erhalten. Noch einige Male versagt er aber seinen Dienst, doch mit etwas Überredungskunst bringe ich ihn wieder zum laufen.

Die letzten Kilometer bis Igouamenitsou werden dann sogar wieder trocken und ich komme „in Time“ am Fährterminal an. Nach dem Chek-In fahre ich noch ins Dorf, um etwas zu Essen für die bevorstehende Überfahrt zu kaufen.

Im Ort sind viele Strassen abgesperrt und die Läden sind am Schliessen. Im kleinen Laden, den ich dann finde, erfahre ich, dass dies der Anfang des orthodoxen Osterfestes ist und dass nun alles für einige Tage geschlossen bleibt. Last Minute – Glück gehabt.



Ab 19:00 ist das Boarding der Fähre offen. Der grösste Teil der Fahrzeuge, welche am Hafen für die Fahrt in das Schiff warten haben bulgarische oder rumänische Nummernschilder. Das merke ich dann auch im Schiff selbst, welches mir wie ein Zigeunerlager vorkommt (ohne nun jemandem zu nahe treten zu wollen). Wieder ein ganz anderer Schlag Mensch, welcher sich hier eingefunden hat. Die halbe Nacht durch wird getrunken und palavert, Polka laufen lassen und es herrscht ein riesen Tohuwabohu.



Samstag 14.4.2012

Zeitverschiebung und wir sind bereits am frühen Morgen in Bari. Mein Glück. Als erstes muss ich ein Ersatzteil finden und mich dann in Richtung Westen begeben. Die nächste Fähre geht erst am Montag und somit habe ich keinen grossen Druck.

Die Einreise nach Italien erfolgt in Form eines Pass zeigen und durchwinken. Interessanterweise müssen Reisende aus den Ostblockstaaten einen anderen Weg nehmen. Doch noch nicht alles ganz gleich in der EU.

Die Website von Yamaha ist famos. Einerseits sind die Explosionszeichnungen aller Motorräder verfügbar, so dass ich die Teilnummer herausschreiben kann und andererseits haben sie europaweit alle Händler aufgeführt. In Bari sind dies gleich ein halbes Dutzend.

Der nun folgende Teil ist schwieriger, da mein Italienisch sich auf einige wenige Brocken beschränkt. Doch auch das klappt. Ich komme in eine Werkstatt, wo wir und das Problem kurz ansehen. Hmmm, Ok. Können wir bestellen und ist bis in einer Woche hier. Ähhh Stop! Montag geht die Fähre nach Tunis. Also wird etwas herumtelefoniert und es findet sich ein Händler in Napoli, welcher den Ansaugstutzen an Lager hat. Bestens, denn die Fähre geht von Salerno über Palermo nach Tunis.

Ich mache mich ausgerüstet mit einer Italienkarte auf den Weg quer durch das Land. Es ist noch immer bitter kalt und regelmässig kommen Regenfronten, welche ich an mir vorbeiziehen lasse, nachdem ich einen Unterstand gefunden habe.

So kommt es, dass ich im Landesinneren an einem Landgasthof vorbei komme, welcher ideal für die Nacht zu sein scheint. Passt. Mit einem guten italienischen Essen wird dieser Tag beendet.

Sonntag 15.4.2012

Weiter geht es nach Salerno und dort brauche ich noch eine Unterkunft. Online finde ich ein B&B in zentraler Lage, welches einen schönen Eindruck macht. Was natürlich nicht ersichtlich ist, ist, dass die Altstadt von Salerno aus lauter kleinen und kleinsten Gässchen besteht. So erweist sich die Suche nach dem B&B zu einem kleinen Kunststück.

Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, beschliesse ich trotz Regen nach Napoli zu fahren und den Mechaniker zu suchen, da es bis dort hin mehr als 25km sind und ich morgen theoretisch im 9:00 im Hafen sein sollte.

Die Rekognostzion erweist sich als richtig, denn für einmal stimmen die Angaben von Google Maps nicht mit der Realität überein. Zum Glück ist dies eine Ausnahmeerscheinung.

Jedenfalls finde ich den Mechaniker, wenn auch geschlossen. Dies erleichtert am Montag die Fahrt hierhin um vieles.

Den Rest des Nachmittag geniesse ich mit Flanieren und einem guten italienischen Gelati.

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